Busenfreundin

Busenfreundin YES TO EVERYONE Credits Frederik Löwer

Deine Geschichte. Von dir erzählt. Von uns geschrieben.

Ricarda ist 33 Jahre alt, betreibt den Podcast „Busenfreundin“, ist abergläubisch und steht deshalb immer mit dem rechten Fuß zuerst auf. Joggen tut sie nie unter fünfzig Minuten – das ist so ein Tick von ihr. Und von diesen Ticks hat sie noch mehr.

DAS IST MEINE GESCHICHTE

„Ich hätte mit mehr Selbstbewusstsein an die Welt rangehen und sagen sollen: Ich stehe auf Frauen. Ende.“

Homosexuell

Ich bin homosexuell. Ich sage ungern lesbisch, weil ich den Begriff blöd gewählt und negativ konnotiert finde. Aber wenn man es mit dem deutschen Duden definieren würde, dann wäre es lesbisch. Gemerkt habe ich das, als ich als Kind meine Kindergärtnerin toll fand. Da war ich etwa fünf. Auch in der Grundschule hatte ich schon Lehrerinnen, die ich toll fand. Ebenso in der weiterführenden Schule, das hat sich im Prinzip nie geändert. Es war nie so, dass ich mich in irgendeinen Mann oder Jungen verliebt habe. Nie. Es hat aber Jahrzehnte gedauert, bis ich mir meine Sexualität wirklich eingestanden habe. Ich habe es lange weggeschoben, gedacht, dass es nicht sein durfte und habe es vergraben. Ich hab mich schon irgendwie gefragt was „falsch“ mit mir war, vor allem, da alle um mich herum eine heterosexuelle Beziehung geführt haben.

Erst mit 17 habe ich mich zum ersten Mal dazu bekannt, da hatte ich auch meine erste Freundin, aber erst einmal nur für mich und nicht öffentlich. Ganz offiziell dann erst mit 25 Jahren. Da hatte ich meine zweite Freundin, die das auch nach außen trug. Sie war viel selbstbewusster als ich damals und sie hat ich mich quasi an die Hand genommen und mir gezeigt, dass es nicht so schlimm ist, es öffentlich zu zeigen. Ich wollte das früher nicht, dass man das sieht. Aber sie hat mir die Angst genommen und ich hab gelernt mich selbst zu akzeptieren und zu der Identität zu kommen, mit der ich mich definiere.

Ich stehe auf Frauen

Nach meinem Coming-Out haben meine Eltern das nicht wahrhaben wollen – sie sind sehr konservativ. Inzwischen können sie es aber akzeptieren. Sie können sich auch niemand anderen als eine Frau an meiner Seite vorstellen. Aber das ist ein Prozess und das dauert. Das ist eine Form von Akzeptanz. Meine Freunde waren sofort an Bord. Eine Person hat sich von mir abgewandt, die hatte da ein großes Problem mit. Aber ich würde sie auch nicht als Freundin bezeichnen.

Meinen ersten Versuch zum Coming-Out, den ich gestartet habe, hätte ich mit mehr Stolz und Selbstbewusstsein machen sollen. Ich war zu unsicher. Ich hatte viele Zweifel und diese Zweifel hätte ich mir gerne von Erwachsenen – am liebsten von meinen Eltern – nehmen lassen. Ich hätte mit mehr Selbstbewusstsein an die Welt rangehen und sagen sollen: Ich stehe auf Frauen. Ende. Dadurch hätte ich mir auch die ganzen Dates mit Typen sparen können. Ich wusste ja, dass ich das nicht will, aber es war ein Zwang der Gesellschaft und ich bin darauf eingegangen.

Bis 25 habe ich das noch mitgemacht. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich vielleicht noch nicht den Richtigen gefunden habe, aber ganz, ganz tief im Inneren weiß man, dass das alles nicht funktionieren wird. Das hätte ich mir wirklich sparen können. Natürlich habe ich nichts gegen Männer und es lag auch nie an ihnen, vielmehr geht es darum, dass ich einfach nicht auf Typen stehe. Und das ist okay so.

Diskriminierung? Klares Grenzenüberschreiten

Ich wurde angespuckt, weil ich Händchen haltend über den Marktplatz gelaufen bin. Mit dieser Art von Diskriminierung habe ich schon Erfahrungen gemacht. Das ist ein ganz klares Grenzenüberschreiten. Ich wurde aber noch nie wegen meiner Homosexualität benachteiligt. Ich habe eher das Gefühl, dass es das Gegenteil ist. Zwar gibt es konservative Leute, aber die Unsicherheit liegt eben bei der Person selbst. Nicht bei mir.

Busenfreundin

Seitdem ich meinen Podcast „Busenfreundin“ mache, besteht mein Leben mit Podcast aus lustigen und unterhaltsamen Momenten. Ich glaube, dass nicht viele Leute das Privileg genießen können, so viele Menschen mit ihrer Geschichte zu erreichen und das auf eine humorvolle Art und Weise darbieten zu können. Damit hätte ich nie gerechnet, mit meinem Leben so öffentlich zu sein und jede Woche Podcastfolgen über mein privates Leben herauszubringen. Das ist wie Therapie – mit der ich anderen Menschen helfe. Es ist befreiend, über alles zu reden. Ich habe in meinen Podcastfolgen inzwischen drei volle Tage über meine Homosexualität geredet – ununterbrochen. 78 Stunden. Das ist gut und es macht mir Spaß.

Ich habe damit auch viele positive Erfahrungen gesammelt. Eine Zeit gab es lange die Überlegung, ob der Podcast wirklich aufgenommen werden sollte. Aber warum denn auch nicht? Mir kam auch die Frage, ob es mir schaden könnte, zum Beispiel auf der Arbeit. Es ist schließlich eine sehr intime Information, dass man auf Frauen steht. Aber wenn jemand damit ein Problem hat, ist es kein:e passende:r Arbeitgeber:in oder Freundeskreis. Das sollte man eher infrage stellen.

Podcast-Vision

Es hat auf den Tag genau sechs Monate gedauert, bis ich den Podcast gestartet habe. Ich bin an einem Morgen im Januar aufgewacht und hatte die Idee. Seitdem hat sich nichts mehr geändert. Diese Vision habe ich im Juni 2018, also genau ein halbes Jahr später umgesetzt. Es glaubt mir niemand, aber ich kannte mich kaum mit Podcasts aus und ich konnte mich mit denen, in die ich reingehört habe, überhaupt nicht identifizieren. Das war mir viel zu lame. Ich habe viel recherchiert, aber nichts gefunden, was unterhaltsam war. Ich wollte Leuten zuhören, die mich nicht mahnend daran erinnern, dass ich gay bin. Also dachte ich: Dann muss ich es halt selbst machen. Dann war die Idee geboren und sie hat mich nicht mehr losgelassen. Es war wie eine Stimme aus dem Jenseits, die mir gesagt hat: „Ricarda, mach diesen Podcast!“

Ich habe mir dann alles selbst beigebracht. Von der Produktion bis hin zum Schnitt, Hochladen, Hosting – alles. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass du selbst alles von Null auf Hundert hochgezogen hast. Wenn die Resonanz dann auch noch gut ist und Leute sagen, dass es ihnen gefällt, ist es noch schöner. Es gab aber auch genug skeptische Stimmen. „Wieder nur ein Podcast, das wird sich eh nicht durchsetzen.“ Besonders weil 2018 Podcasts noch nicht so präsent waren wie heute.

Lesbischer Eskortservice und andere Highlights

Ich habe schon länger Comedy geschrieben, als ich in einem Unternehmen angestellt war. Von daher war mir schon lange klar, dass das der Weg war, den ich gehen wollte. Das ließ sich perfekt mit dem Podcast verbinden. Ein bisschen mit Witz da rangehen, das kam mir zugute. Ich hab unterdessen auch schon berühmte Leute einladen können: Kerstin Ott und Ina Müller waren Highlights. Diese Phase, wo ich mit Prominenten sprechen durfte, war total unterhaltsam. Themen, die mich beeindruckt haben, waren zum Beispiel ein lesbischer Eskortservice in den Niederlanden oder das Thema Religion und Homosexualität von einem muslimisch erzogenen Mädchen. Das ist total interessant.

Inzwischen gibt es schon circa 130 Episoden, und in jeder Folge habe ich etwas dazugelernt. Einmal ging es um das Gendern, warum wir das generische Maskulinum benutzen und warum es falsch ist. Vorurteile werden nach und nach abgebaut, wenn man viel mit unterschiedlichen Menschen spricht. Man lernt unglaublich viel. Wir sind nun mal in dieser Gesellschaft so erzogen worden, dass wir Kategorien erfüllen und uns an Regeln halten müssen. Es gibt Schubladen. Wir werden mit Vorurteilen erzogen. Niemand kann einfach so seine Vorurteile ablegen, man kann aber lernen, damit umzugehen.

Diversitätspodcast  

Da ich finde, dass das Wort Lesbe so negativ konnotiert ist, habe ich für meinen Podcast den Titel Busenfreundin genommen – und ich hoffe, den Namen irgendwann im Duden zu sehen. Es ist ein utopisches Synonym. Busenfreundin ist der Podcast, der es schafft, auf der Tonspur glitzerndes, buntes Konfetti zu verteilen und ist, in meiner Wahrnehmung, der diverseste Podcast, den es gibt. Es ist inzwischen kein gay oder queer Podcast mehr. Es gibt so viele Themen, Menschen und Lebensstile. Unterdessen ist es ein Diversitätspodcast.

Mein Rat an dich und mein früheres Ich:

Das ist zwar immer so das, was man liest, aber: Steh zu dem, wer du bist. Du bist gut so. Du bist nicht abnormal und du bist auch nicht anders. Du bist wie jeder andere auch. Die Zeiten werden sich bessern. Man wird es irgendwann akzeptieren. Steh einfach zu dir. Es bringt nichts, wenn du dich in Sachen manövriert, die du eh nicht magst oder willst. Vertrau dich Leuten an, die du magst und die dich mögen. Dann kriegst du die Sachen reflektiert zurück, die auch stimmen. Diese Leute werden nie sagen, dass du nicht liebenswert bist, weil du homosexuell bist.

Wenn du noch mehr über Ricarda erfahren möchtest, schaue auf ihrer Instagramseite @re_car_duh vorbei oder schau dir ihren Podcast Busenfreundin an!  
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