So wie ich bin, bin ich genau richtig!

Deine Geschichte. Von dir erzählt. Von uns geschrieben.

Anna ist 26 Jahre alt und eine lesbische Frau. Sie liebt ihr Studium der Kunstgeschichte und Archäologie und isst gerne Zwiebeln zum Frühstück.

DAS IST MEINE GESCHICHTE

„Das Gefühl, mich selbst gefunden zu haben, ist stärker als alle Zweifel.“

Aller Anfang ist schwer

Wann ich das erste Mal gemerkt habe, dass ich auf Frauen stehe, ist rückblickend schwierig zu sagen. Mir fallen immer wieder Momente ein, in denen ich mich in Gegenwart bestimmter Mädchen eindeutig wohlfühlte. Meinen ersten Kuss hatte ich mit sechs oder sieben Jahren mit meiner damaligen besten Freundin und bis heute ist es eine sehr intensive Erinnerung; ich weiß, wie aufregend ich die Situation damals fand.

Als ich 16 war, habe ich an einem Schüleraustausch teilgenommen und mich dabei Hals über Kopf in die spanische Austauschschülerin meines besten Freundes verliebt. Damals war mir nicht bewusst, dass sich Mädchen auch in andere Mädchen verlieben können. Ich fand es seltsam, dass ich sie so gerne mochte; dass ich sie cool fand und immer in ihrer Nähe sein wollte. Heute hört sich das vielleicht naiv an, aber damals war ich sehr unsicher und orientierte mich an den gesellschaftlichen Konventionen. Da ich selbst keine gleichgeschlechtlichen Paare kannte, war mir das Thema erst mal komplett fremd; meine Gefühle haben mich verwirrt. Als die Austauschschüler wieder abgereist sind, war ich unglaublich traurig und habe ihr zum Abschied ein kitschiges Geschenk mitgegeben, in der Hoffnung, dass sie mich nicht vergisst.

Der Weg zu mir selbst

Als ich zwischen 17 und 22 Jahren alt war, habe ich  mich nur mit Männern getroffen. Diese Beziehungen haben mich nie besonders erfüllt; mir fehlte etwas. Ich hielt mich teilweise sogar für beziehungsunfähig.

Als ich mit 22 an meiner damaligen Arbeit eine neue Kollegin traf, die mir erzählte, dass sie lesbisch sei, wurde ich hellhörig. Plötzlich öffnete sich in mir eine Tür, von der ich nicht mal gewusst hatte und ich hatte das Gefühl, eine Antwort gefunden zu haben. Nach einer Weile wurde meine neue Arbeitskollegin auch zu meiner allerersten Freundin.

Ich bin lesbisch

Ein direktes Outing gab es bei mir eigentlich nicht. Ich habe meinen Freunden einfach irgendwann meine Freundin präsentiert und es als selbstverständlich angesehen, dass sie mich genauso akzeptieren wie vorher. Obwohl ich ja sonst ein eher unsicherer Mensch bin, war ich in dieser Situation mutiger und davon überzeugt, dass alles gut werden würde, weil ich mich mit meiner Entscheidung wohlgefühlt habe. Das Gefühl, das Richtige zu tun, hat mir Sicherheit gegeben.

Sowohl in meinem Freundeskreis als auch in der Familie waren die Reaktionen neutral bis positiv. Meine Tante hatte selbst lange eine Lebensgefährtin, daher war das in meiner Familie väterlicherseits kein Thema. Nur bei meiner Mutter gab es anfangs Probleme. Ich lud meine Freundin das erste Mal zu uns nach Hause ein und war sichtlich nervös. Meine Mutter hat das wohl gemerkt und fragte am nächsten Tag, ob das meine Freundin sei. Als ich die Frage bejahte, fing sie an zu weinen und fragte, was sie in der Erziehung nur falsch gemacht hätte. Darüber wurde ich so wütend, dass ich mich erst mal zurückzog, doch nach zwei Tagen hatte sie sich wieder beruhigt. Ich glaube, am Anfang fiel es ihr sehr schwer, mich mit einer Frau Arm in Arm zu sehen, aber mittlerweile hat sie es akzeptiert und mag meine jetzige Freundin sehr gerne.

Was danach kam

Ich habe mich viel mit dem Thema Homosexualität beschäftigt, wodurch sich mir eine ganz neue Welt eröffnet hat. Über den „Gay-Klassiker“ Blau ist eine warme Farbe bis hin zu Szene-Parties ist alles dabei. Durch meine erste Freundin kam ich auch in einen Gay-Freundeskreis, indem ich mich direkt wohl und, so wie ich bin, genau richtig gefühlt habe.

Natürlich gab es neben all dem Positiven auch schwierige Zeiten. Meine erste Beziehung wurde durch eine starke Co-Abhängigkeit beherrscht und nach der Beziehung war ich so verletzt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals wieder mit einer Frau zusammen zu sein. Ich dachte, ich würde derart starke Emotionen nicht noch einmal aushalten. Es hat danach eine ganze Weile gedauert, bis ich akzeptierte, dass nur Frauen diese Gefühle in mir auslösen können und dass das auch bedeuten kann, sehr verletzt zu werden.

Wie ist es heute?

Heute fällt es mir meistens leicht zu sagen, dass ich auf Frauen stehe. Allerdings versuche ich besonders bei meiner Arbeit den Fragen zu meinem Privatleben aus dem Weg zu gehen. Dank der Porno-Industrie ist der Begriff „Lesbe“ doch sehr stark erotisch besetzt. Daher habe ich es vermieden, vor meinen (ausschließlich) männlichen Vorgesetzten darüber zu sprechen; ich wollte nicht, dass sie mich mit anderen Augen sehen. Dennoch stehe ich zu mir. Das Gefühl, mich selbst gefunden zu haben, ist stärker als alle Zweifel. Aber Menschen reagieren trotz allem unterschiedlich. Manchmal gibt es böse, angewiderte Blicke; manchmal anzügliche Kommentare. Da ist die ganze Bandbreite dabei und daran habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Zum Glück war ich wegen meiner sexuellen Orientierung aber noch nie in Gefahr.

Mein Rat an dich und mein früheres Ich:

Setz dich selbst an erste Stelle und verleugne dich nicht. Für viele ist die LGBTQ+ Community etwas Fremdes und alles was fremd ist, bereitet den meisten Menschen Unbehagen. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns mitteilen und zeigen, dass wir nicht abnormal oder krank sind. Ich habe mich damals entschlossen, dass ich lieber glücklich und erfüllt leben möchte, statt mich selbst zu belügen, auch wenn das bedeutet, dass ich möglicherweise auf Ablehnung stoße.

Wenn du noch mehr über Anna erfahren möchtest, folge ihrer Instagram-Seite @evanovanna! Dir hat diese Story gefallen? Dann erzähl uns deine Geschichte! Von dir erzählt. Von uns geschrieben. Melde dich jetzt bei uns: @yestoeveryone auf Instagram oder via E-Mail info@yestoeveryone.de