Raus aus dem Schrank

Deine Geschichte. Von dir erzählt. Von uns geschrieben.

Luca Alessandro ist 23 Jahre alt und trans. Er imitiert gerne spontan Vogelrufe und wusste schon früh, dass das Leben als Mädchen nichts für ihn ist.

DAS IST MEINE GESCHICHTE

“Ich brauche mich nicht für andere verstellen, nur damit die glücklich sind. Ich muss ja für mich glücklich sein.”

Mama, ich bin im falschen Körper

Dass ich nicht wirklich ein Mädchen bin, habe ich schon sehr früh gewusst. Immer, wenn ich mit meiner Mutter als Grundschulkind einkaufen war und sie mir vorgeschlagen hat, etwas feminines anzuprobieren, kam von mir die Antwort: “Nein, das will ich nicht. Das bin ich nicht. Ich fühle mich im falschen Körper.” Sie hat das lange Zeit einfach ignoriert, ist davon ausgegangen, dass es nur eine kindliche Phase ist. Es kommt ja vor, dass man sich vor und während der Pubertät im eigenen Körper seltsam fühlt. Bei mir war es aber nicht einfach nur eine Phase.

Das erste Outing

Mit 13 habe ich dann festgestellt, dass ich auf Mädchen stehe. Das habe ich dann auch direkt meinen Eltern und Schulfreunden so gesagt. Das Wort “lesbisch” habe ich nicht benutzt. Da ich mich schon immer männlich gefühlt habe, traf das einfach nicht den Punkt. Auch hier hat meine Mutter es zunächst als Phase abgetan. Mittlerweile akzeptiert sie es aber. 

Raus aus dem Schrank

Lange Zeit habe ich versucht mich zu verstellen. Ich habe, um meine Mutter und Oma glücklich zu machen, Kleider angezogen und mich femininer verhalten. Schließlich habe ich realisiert, dass es keinen Sinn macht, so zu leben, dass andere glücklich sind. Mit 18 habe ich mich dann erstmal bei Freunden als trans geoutet und mit 21 dann bei meiner Familie. Ich hatte schon ein bisschen Angst vor den Reaktionen meiner Eltern. Mut gesammelt habe ich durch Dokumentationen und dem Kontakt zu anderen Transgendern. Ich habe auch viel darüber mit meinen engsten Freunden gesprochen. Die haben es auch echt gut aufgenommen. Die Leute in der Schule auch.

Bei meiner Familie war es dann schon ein bisschen anders. Mein Vater meinte sofort, dass er es eigentlich schon immer geahnt hatte und ging dann entspannt damit um. Auch mein Bruder hat mich direkt akzeptiert und unterstützt mich. Bei meiner Mutter war es schwieriger. Sie hat erstmal geweint. Es war nicht leicht für sie, zu akzeptieren, dass ihr kleines Mädchen in Wirklichkeit ihr großer Junge ist. Meine Großeltern waren auch nicht direkt begeistert. Mein Opa hat es akzeptiert, weil er wusste, dass ich dadurch glücklicher bin. Meine Oma sagt zwar, sie akzeptiert mich, aber trotzdem haut sie regelmäßig Sprüche raus, wie “Ich hoffe, du verträgst das Testo nicht.” Ich glaube, ihr ist gar nicht bewusst, wie verletzend das für mich ist. 

Die ersten Schritte zur Männlichkeit

Meine Freundin hat mich von Anfang an akzeptiert und unterstützt. Sie hat mich bei ihrer Familie direkt als Mann vorgestellt und für sie ist es so selbstverständlich, dass sie immer ein paar Minuten braucht, um zu realisieren, dass ich gemeint bin, wenn beim Amt noch mein alter Name aufgerufen wird. Sie war auch diejenige, die mich dazu motiviert hat, einen Therapieplatz zu suchen. Einen zu finden erwies sich jedoch als schwierig. Viele Therapeuten, die auf Transmenschen spezialisiert sind, sind voll ausgelastet. Ich habe ganze Listen abtelefoniert, bis ich über die Empfehlung eines Freundes dann endlich eine Therapeutin fand, die sich meiner annahm. Mittlerweile bin ich schon über 6 Monate in Therapie und habe auch schon Testosteron verschrieben bekommen.

Misgendern im Alltag

Ich bin auf der Arbeit geoutet. Auf meinem Namensschild steht Luca Alessandro. Ich stelle mich als Herr vor. Und dennoch sagen Kunden immer wieder “die junge Dame dort” oder ähnliches. Dabei hatte ich sogar vor dem Testo schon ein kantiges, maskulineres Gesicht. Die urteilen dann einfach anhand meiner hohen Stimme. Ich korrigiere sie dann meistens, aber es gibt dann schon Leute, die das gekonnt ignorieren und dann mit dem misgendern provozieren wollen. Früher hat mich das schon aufgeregt, aber durch die Therapie habe ich gelernt, mir das nicht so zu Herzen zu nehmen. 

Mein Rat an dich und mein früheres Ich:

Man muss auf sein Gefühl hören und das tun, was  einen selbst glücklich macht. Denn, wenn man selbst glücklich ist, dann macht das die Menschen, denen man wichtig ist, automatisch auch glücklich. Ich merke, dass ich jetzt zufriedener und selbstbewusster bin. Man sollte wirklich auf sich selber hören und schauen, was einem gut tut und dann auch wirklich dazu stehen, wie man sich fühlt oder wie man gerne sein möchte. Man hat nur ein Leben und das sollte man so leben, wie man das gerne möchte und einfach glücklich sein und sich nicht verstellen.

Wenn du noch mehr über Luca Allessandro erfahren möchtest, folge seiner Instagram-Seite @lucaalessandro97! 
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