Ich bin bisexuell? Okay

Deine Geschichte. Von dir erzählt. Von uns geschrieben.

Wesley ist 18 und bi- und demisexuell. Er ist Eiskunstläufer, lebte neun Jahre auf den Philippinen und ist Engländer – spricht also beide Sprachen fließend. Er sammelt Kuscheltiere und sein allersüßester ist ein Teddybär aus seiner Kindheit.

DAS IST MEINE GESCHICHTE

“Ich war zwischen Jungs und Mädchen hin- und hergerissen. Mädchen sind einfach wirklich hübsch, aber Jungs – holy shit.”

Einen Mann heiraten

Ich bin bi und demisexuell, aber wenn es ums Heiraten geht, tendiere ich definitiv zu Männern. Ich sehe nicht, dass ich jemals mit einem Mädchen sexuell aktiv sein würde – was das angeht, habe ich eher eine emotionale Bindung zu Mädchen. Mit circa 13 habe ich es gemerkt. Meine Mutter muss es schon viel früher gewusst haben, aber sie hat nie etwas gesagt. Als es dann rauskam habe ich mich gefragt: “Woher wusstest du, dass ich gay bin?”

Oft habe ich mir gedacht: “Oh mein Gott, sie ist so hübsch. Aber er ist so süß.” Ich war zwischen Jungs und Mädchen hin- und hergerissen. Mädchen sind einfach wirklich hübsch, aber Jungs – holy shit. Es war aber nie so, dass ich mich anders gefühlt habe. Ich fühlte mich wie jeder andere auch, ich wusste nur einfach, dass ich auch Jungs mag. 

Coming-Out

Mein Coming-Out hatte ich durch einen Brief – das war mit 15 Jahren. Damals war mir das etwas unangenehm, und weil ich nicht meine verletzliche Seite zeigen und es von Angesicht zu Angesicht erzählen wollte, musste der Brief ausreichen – mit blauer Tinte. Den hab ich dann meinem Vater unter das Kopfkissen gelegt, aber er durfte ihn nicht öffnen, bis ich in der Schule war. Danach bin ich dann mit einer eigenen Nachricht aufgewacht, auf der stand, dass er mich deshalb nicht weniger lieben könnte und ich nach wie vor sein Sohn bin. Nichts könnte das ändern. Später hatte er mir noch persönlich gesagt, dass es selbstverständlich nichts ändern würde, vor allem, da meine Schwester lesbisch ist – das war schließlich auch nie ein Problem gewesen. 

Mom hat den Brief wahrscheinlich nie gelesen, aber sicher bin ich mir nicht. Vermutlich hat er ihr es aber erzählt. Aber als sie eines Abends in mein Zimmer kam und mich fragte, ob ich Mädchen mag und meine Antwort “ja, aber auch Jungs”, lautete, sagte sie mir, dass sie im Moment vielleicht nicht mit meiner Meinung übereinstimme, aber dass sie Zeit bräuchte, um sich damit zurecht zu finden. Das finde ich auch okay, immerhin ist sie 50 Jahre alt und katholisch aufgewachsen. 

Ich bin bi

Es ist zwar ein bisschen klischeehaft, aber ich hatte das Gefühl eine Last auf den Schultern zu haben und die wollte ich loswerden. Deshalb habe ich mich geoutet. Aber auch, weil ich die Hälfte meines Lebens mal mit und mal ohne meinen Vater auskommen musste, weil er wegen der Arbeit oft lange weg war – dadurch hatte ich das Gefühl, ihm immer viel erzählen zu müssen, damit er mich kennt und weiß, wer ich bin. Ich hatte aber auch Hilfe von zwei meiner Freunde; beide sind sehr divers: eine ist eine heterosexuelle Muslimin und die andere Person ist non-binary – das gab mir einen sicheren Raum. Bei allen anderen habe ich einfach auf Snapchat gepostet, dass ich bi bin. Das wars. 

Höllenschule

Ich denke, an meinem Coming-Out gibt es nichts, was ich ändern würde. Es ist so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles lief gut. Aber es war definitiv eine Erfahrung – eine Erfahrung, bei der ich froh bin, dass sie so gut abgelaufen war. In der Schule wurde ich auch von Freunden unterstützt. Einige heterosexuelle Jungs haben sich über mich lustig gemacht und mein Leben an der Schule zur Hölle gemacht. Oft habe ich gefragt, ob ich mich für den Sportunterricht auf der Toilette umziehen durfte. Auch im Sportuntericht selbst war es seltsam. An englischen Schulen werden die Mädchen in der Regel von den Jungs getrennt und ich habe immer bei den Mädchen mitmachen wollen, weil es komisch war mit dem Jungsteam Sport zu machen. Schule war allgemein ziemlich komisch, was das anging. 

Ich musste mich verstecken

Mein Leben hat sich nach meinem Coming-Out andernfalls aber kaum verändert. Abgesehen von den Jungs, die mich dafür ausgelacht haben, war es befreiend. Ich konnte endlich ich selbst sein und es hat vieles einfacher gemacht. Ich musste nicht mehr verstecken, wer ich bin. Es hat zwar meine verletzliche Seite gezeigt und das hasse ich, aber in der Schule musst du entweder wachsen oder weichen. Du musst für dich kämpfen. 

Ich mag Jungs? Okay

Ich war von Anfang an sehr neutral, was meine Sexualität angeht. “Ich mag Jungs? Okay, cool.” An einem gewissen Punkt habe ich an mir gezweifelt und mich gefragt, warum ausgerechnet ich so bin, warum ich der Sonderling war, aber andernfalls war ich dem Thema wirklich neutral gegenüber. Wenn ich meine Tante treffe tue ich allerdings noch so, als wäre ich hetero. Sie weiß nichts über meine Sexualität und sie ist sehr altmodisch und katholisch erzogen worden. Ich rede und kleide mich, als wäre ich straight, denn anders würde sie mich vermutlich nicht akzeptieren. 

Abgesehen von ihr ignoriere ich Negativität über meine Sexualität einfach. Was tut es schon, wenn ich beschimpft werde? Ich nehme mir das nicht zu Herzen. Das sind einfach nur intolerante und rücksichtslose Menschen. Es ist wirklich verrückt, dass Menschen so denken und es als falsch empfinden. Ich hatte früher auch einen Freund, der so war. Er sagte, dass es falsch sei und ich sollte mir medizinische Hilfe suchen. Das hat ganz schön weh getan. 

Drag

Ich interessiere mich für Drag, besonders, weil es so ist, als hätte an ein Alter Ego. Man kann eine andere Person sein. Ich könnte schüchtern und zurückhaltend im echten Leben sein, aber als Drag eine kreative, offene Person. Da gibt es nicht nur eine Geschichte, sondern unzählige. Es gibt so viele Aspekte bei Drag: das künstlerische, kreative … auch, wenn ich selbst kein Drag mache, wäre es, als fühlte man sich frei.  

Bei Make-Up ist es nicht viel anders. Wenn ich mir Make-Up ansehe, kann ich im Handumdrehen etwas daraus machen. Man kann machen, was man will. Sich frei fühlen, das Gesicht als Leinwand benutzen, sich künstlerisch ausdrücken. Ich bin damit aufgewachsen, mir Make-Up Gurus anzusehen und damit, mit Farben zu spielen. Das ist wirklich etwas tolles. Besonders, wenn man sich fast unmenschlich schminken kann. 

Stigma

Beim Eiskunstlauf gibt es ein Stigma über Jungs. Eiskunstlauf ist definitiv ein Frauensport, aber wenn man den Sport wirklich kennt, weiß man, dass es unglaublich viel Muskelkraft braucht – es ist ein ziemlich harter Sport. Alles muss perfekt aussehen, perfekt sein. Poliert aussehen. Das ist schwer zu erreichen. Füße strecken, Finger entspannt lassen – das bringt ein Stigma über Jungs im Eiskunstlauf mit sich. Wenn du als Junge Eiskunstlauf machst, bist du schwul. Das ist das Stigma. So ist es auch oft im Ballet. Aber es gibt so viele Heterojungs im Eiskunstlauf.  

Aber die Artistik im Eiskunstlauf ist überragend. Man kann sich ausdrücken und aus der Welt fliehen, besonders wenn man einen schlechten Tag in der Schule hatte. Es ist einfach ein wundervolles Gefühl, etwas auf dem Eis zu kreieren und über das Eis zu gleiten und den Wind im Gesicht zu spüren. Egal ob es ein Stigma gibt oder nicht, Eiskunstlauf ist wunderbar. 

Mein Rat an dich und mein früheres Ich:

Übereile es nicht. Das Coming-Out sollte durchdacht und geplant sein. Denk darüber nach, was du tun und sagen willst. Hab vielleicht sogar einen Plan B oder C. Ich bin sehr dankbar, eine Familie zu haben, die mich so akzeptiert, aber hätten sie mich rausgeschmissen, wäre ich vorher sicher gegangen, dass ich einen Platz habe, wo ich hingehen kann. Nachlässigkeit bringt dich nicht weiter. Sei organisiert. 

Wenn du noch mehr über Wesley erfahren möchtest, folge seiner Instagram-Seite @wesley22002 oder höre mal in ihren Podcast rein! Dir hat diese Story gefallen? Dann erzähl uns deine Geschichte! Von dir erzählt. Von uns geschrieben. Melde dich jetzt bei uns: @yestoeveryone auf Instagram oder via E-Mail info@yestoeveryone.de